Krippen bestehen in der Regel aus kleinen überschaubaren Formaten, wie sie in den Wohnzimmern unserer Häuser in den Städten und Dörfern zu finden sind. In den Kirchen sind sie meistens größer, mit Stall, der Heiligen Familie, den Hirten, später dann mit den Heiligen drei Königen und mehr oder weniger vielen Schafen, Hunden, Eseln und Kamelen.
Ganz anders die Krippe in St. Vincentius Beeck. Sie ist lebensgroß, aber trotzdem klein. Sie besteht lediglich aus dem Jesuskind in der Krippe, Maria und Josef. Die Beecker Krippe hat eine eigenartige, fast bewegende, Entstehungsgeschichte. Und diese Entstehungsgeschichte verdankt man der 2022 verstorbenen Mathilde Schmitz.
Wie kam es dazu? Ende der 1960er war Mathilde Schmitz, wohnhaft in Schroifmühle, Lehrerin am Gymnasium in Kaiserswerth. Pädagoge sein liegt in der Familie Schmitz, denn ihr Vater Ferdinand war viele Jahrzehnte der gestrenge und geachtete Hauptlehrer der Volksschule Beeck und ihr Bruder Theo Leiter der Berufsschule Erkelenz.
Mathildes Kollegin Dr. Gabriele von Hippel lernte den jungen, noch unbekannten Bildhauer Josef Schäfer aus der Nähe von Freiburg kennen und lieben und heiratete ihn. Wie das nun oft bei jungen, noch unbekannten Künstlern ist, der Aufträge sind Wenige und das Einkommen somit recht knapp.
Ende 1968 war der Erweiterungsbau der Kirche St. Vincentius fertiggestellt und die alte Kirche, die heutige Sakramentskapelle, wurde restauriert. Mathilde Schmitz wandte sich an das damalige Kirchenvorstandsmitglied Heinrich Maßen aus Beecker Bissen und meinte: „In der neuen Kirche fehlt noch Kunst. Man muss der Pfarre etwas Außergewöhnliches zu Gute kommen lassen und gleichzeitig einem jungen Künstler helfen!“ Heute nennt man das „Kultur-Sponsoring“.
Heinrich Maßen besprach die Idee von Mathilde Schmitz mit Pfarrer Pater Edmund Winkels, O.Carm. und im Kirchenvorstand und informierte mich, der ich damals Vorsitzender des frisch gegründeten Pfarrgemeinderates war.
Die Gremien ließen sich von Josef Schäfer einige Entwürfe vorlegen. Aber es war nicht das, was man sich für die neue Kirche vorstellte. Im Rahmen eines Urlaubs im Schwarzwald besuchte Heinrich Maßen den Künstler. Bei ihm entdeckte er die in Arbeit befindliche, noch nicht fertige und auftragslose, lebensgroße „Heilige Familie“. Das war die Krippe, die man für St. Vincentius Beeck suchte: Ein strahlendes Kind. Maria breitet den Mantel aus zum Schutz des Kindes, des Kindes, das für die Menschen lebt. Josef, stark, aufgestützt, Ruhe ausstrahlend, alles überwachend, sicher. . . .
Josef Schäfer gab Heinrich Maßen die Entwurfzeichnungen mit und sandte einige Tage später das Angebot. Pater Edmund, sein Vertreter Prior Alexander Zeegers, O.Carm. und Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat waren begeistert und stimmten einstimmig der Anschaffung dieser Krippe zu. Die Finanzierung erfolgte im Rahmen der Baukosten.
Die Figuren sind aus massivem Lindenholz geschnitzt. Um zu verhindern, dass das Holz bei der Größe der Figuren im Laufe der Zeit reißt, hat Josef Schäfer die Figuren auf der Rückseite ausgehöhlt.
Im Zuge der Altkirchen-Sanierung wurde das Kreuz unten im Turm ausgebaut. Das Kreuz war total wurmstichig und teilweise bereits verfault. Der Korpus war ebenfalls in einem sehr schlechten Zustand. In Abstimmung mit der Bauabteilung des Bistums Aachen wurde der Korpus von den verschiedenen Farbschichten befreit, also abgebeizt. Das Kreuz stammt vermutlich aus der Zeit um 1820. Der Beecker Schreiner Willi Nix hat die Arbeiten ausgeführt und gleichzeitig ein neues Kreuz gezimmert. KV und PGR beschlossen, Christus am Kreuz in die Apsis der Kirche zu bringen und so zum Mittelpunkt des neuen Gotteshauses zu machen.
Die neue Krippe kam 1970 nach Beeck und wurde zunächst dort aufgestellt, wo heute die große Stockmann-Orgel steht. Aber dieser Platz entsprach nicht den Vorstellungen der Verantwortlichen und fand auch nicht bei den Pfarrangehörigen Zustimmung. Sie wirkte einfach nicht.
Zum Weihnachtsfest 1971 wurde die Krippe dann hinter dem Alter auf einem hohen Podest unter dem Kreuz aufgestellt. Was war das für ein Bild, was für ein Gegensatz: Geburt und Tod! Ist das nicht der Lebenslauf der Menschen? War das nicht der Lebenslauf Jesu Christi? Der Tod bedingt die Geburt, setzt sie voraus. Alpha und Omega, Anfang und Ende gehen hier eine Symbiose von fast nicht vorstellbarer Harmonie ein. Die Krippe „Alpha“ steht für den Anfang, der gekreuzigte Christus “Omega“ verdeutlicht das Ende. So ist die Beecker Krippe keine Krippe im herkömmlichen Sinne. Sie zwingt den Besucher, den Betrachter, zusammen mit dem Kreuz, zum Nachdenken.
Der Bildhauer Josef Schäfer, der in späteren Jahren viel Anerkennung im Schwarzwald fand, schuf bedeutende Skulpturen zu unterschiedlichsten Themen. Er starb 2009.