
September 2026:Gott vergisst uns nicht, auch wenn wir alles vergessen.

1,8 Millionen Menschen in Deutschland haben eine entsprechende Diagnose - Dunkelziffer vermutlich höher und aufgrund der hohen Lebenserwartung Tendenz steigend. Und doch habe ich oft das Gefühl, da spricht man nicht so wirklich gerne drüber, man nennt es selten beim Namen. Aber - niemand sucht sich eine solche Erkrankung ja aus, ganz bestimmt nicht freiwillig.
Wer verliert sich schon gerne selbst? Und wer schaut gerne zu, wenn ein Mensch sich verliert, und der, den man gekannt, geliebt hat langsam verschwindet? Wie geht man damit um?
Dass wir schon mal Dinge vergessen, das ist normal. Wo ist mein Autoschlüssel? Warum wollte ich noch mal meine Mutter angerufen haben? Oder – das ist wohl jedem schon mal passiert – was wollte ich eigentlich in dem Raum hier?
Unser Gehirn arbeitet sehr ökonomisch, und mitunter werden schon mal „unwichtige“ Dinge aussortiert, gerade wenn wir im Stress sind. Passiert das aber oft und regelmäßig, und findet sich der Autoschlüssel an eher ungewöhnlichen Orten wie dem Kühlschrank oder unterm Kopfkissen wieder, dann sollte man der Sache doch mal auf den Grund gehen. Auch bei ein paar anderen Anzeichen wie Wortfindungsstörungen oder Alltagsaufgaben, die bislang automatisch abliefen und auf einmal nicht mehr so funktionieren…
Das alles passiert nicht „von heute auf morgen. Es ist ein schleichender Prozess, der oft – so sagen die Fachleute – über Jahrzehnte sich anbahnt. Das ist auch wiederum ein Zeichen der Hoffnung, dass sich hier und da vielleicht gegensteuern lässt. Und darum ist es eigentlich nie zu früh, sich mit diesem Thema zu befassen.
Doch… - wir sperren uns, es ist ja vermeintlich weit weg. Und wir verlassen ja bekanntlich auch nur ungern unsere Komfortzone. Auch hier ist unser Gehirn „energiesparend“ mit dabei, denn eine Änderung des Lebensstils kostet Kraft und Energie…
Bei jedem Thema, ob Herzinfarkt oder Diabetes – eigentlich wissen wir alle, dass ausreichend Bewegung, eine gesunde Ernährung und genügend Schlaf uns gut tun und das Risiko für diverse Erkrankungen senken. Und trotzdem sind noch so gute Präventionsmaßnahmen leider keine Garantie dafür, nicht doch zu erkranken, denn die Gene sind da auch noch mit im Spiel…
Wie gesagt: niemand sucht sich eine solche Erkrankung freiwillig aus. Wichtig ist aber, sich nicht zurückzuziehen aus Scham, sondern Hilfe – und das am besten frühzeitig – zu suchen, für eine Abklärung und Eingrenzung von Symptomen.
Demenzerkrankung bedeutet nicht automatisch, dass Lebensfreude endet, dass Begegnungen oder gesellschaftliche Teilhabe nun nicht mehr möglich sind.
Mit der Krankheit leben lernen, so heißt die Devise: für den, der erkrankt ist, und auch für die Angehörigen.
Es ist also nie zu früh, sich mit Demenzerkrankungen zu beschäftigen. Ein gesunder Lebensstil, das Pflegen von Beziehungen und Freundschaften, geistige Aktivität wie z.B. lesen, Sudoku, Kunst, Literatur und Musik und gute medizinische Vorsorge können wie gesagt das Risiko mindern. Wer so vorsorgt, stärkt nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch das Bewusstsein für dieses große Thema – auch in der Gesellschaft.
In diesem Rahmen bin ich auf eine Kampagne gestoßen. Wussten Sie, dass es einen Welt-Alzheimertag gibt? Und dass er schon seit 1994 – am 21. September – begangen wird, um die Öffentlichkeit auf die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen aufmerksam zu machen?
An diesem Thema zeigt sich, wie wichtig zum einen unser Reden ist über Würde im Alter, und darüber hinaus, wie wir zu einer wertschätzenden Haltung kommen, um einen Demenzerkrankten in seiner eigenen Welt zu begleiten - ist diese doch für viele so befremdlich. Ein großer Teil der Erkrankten wird, solange es eben geht, zu Hause begleitet und gepflegt. Und darum muss man auch die Angehörigen mit im Blick behalten: „Alle fragen nach meiner demenzkranken Mutter. Niemand fragt, wie es mir eigentlich geht.“…. Umso mehr brauchen wir eine verständnisvolle Gesellschaft, denn die Entwicklung ist eindeutig. Immer mehr Menschen werden direkt und indirekt als Angehörige betroffen sein.
Und da kann man schon mal als so Betroffener in Zweifel und Verzweiflung geraten.
In diese schmerzliche Erfahrung hinein spricht Gott: Ich vergesse dich nicht. Und bei Jesaja (49,14-16a) lesen wir: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern habe ich immer vor Augen.“
Ihr Pfarrer Franz Xaver Huu Duc Tran



